Inmitten des Prinzips
Das Künstlerduo eggerschlatter präsentierte in der Loge vom PROGR Bern bis heute die Ausstellung Inmitten des Prinzips. Nachfolgend diskutiere ich den Besuch dieser Ausstellung sowie die Ausstellung selbst.

Gerade bei Konzeptkunst spielt das Umfeld eine wichtige Rolle – ein Konzept funktioniert nicht in einem White Cube, ausser dieser ist ein Teil des Konzepts. Die Loge ist ein kleiner, provisorisch anmutender Bau im Hof des PROGR, eines alternativen Künstlerzentrums in Bern, dessen Erhaltung erst kürzlich gesichert wurde. Die Geräusche der Videoinstallation dringen leicht durch den schweren dunkeln Vorhang nach draussen, sodass die Kunst – ob gewollt oder nicht – bereits einen klanglichen Teppich für die Besucher auslegt, bevor man überhaupt die Ausstellung betritt.
Die meisten Besucher einer Ausstellung lesen zuvor die Beschreibung – gerade bei Konzeptkunst, bei welcher nicht immer alles offensichtlich zu sein scheint. Ich habe in diesem Fall bewusst darauf verzichtet um einen ersten Eindruck ohne voreingenommene Interpretationen zu erreichen. Der Titel der Ausstellung, Inmitten des Prinzips, weckte bei mir gleich die Erwartung, nicht einfach Konzeptkunst zu sehen, sondern etwas wie die Konzeptkunst – falls es denn so etwas geben sollte. Die erste Vermutung, welche ich aus dem Titel schloss, war, dass es sich um selbstreflexive Konzeptkunst handle. Logisch, Konzeptkunst ist immer in einem gewissen Masse selbstreflexiv, sonst würde sie wohl kaum funktionieren.
Der Raum ist sehr dunkel, nicht zuletzt auch wegen der Videoinstallation, welche sonst kaum zu erkennen wäre. Man benötigt einige Sekunden, um sich zu orientieren; “Gehört diese Bank nun zur Installation oder nicht? Kann man sich draufsetzen?” – am Ende tut man es sowieso. Danach fällt der Blick als allererstes auf die grosse Leinwand, welche durchs Lichtspiel des Videos gleich auffällt. Links daneben steht ein Gewächshaus, welches etwas gelitten zu haben scheint. Neben der Bank, auf der anderen Seite des Raumes steht eine Art Holzgestell, welches oben mit Kunstrasen bedeckt ist und von einer einsamen Spotlampe angestrahlt wird. Auf dem Boden vor der Leinwand liegen Spiegelfliesen, welche genauso wie jene aussehen, die ich mir vor einiger Zeit in einem gewissen schwedischen Möbelhaus gekauft habe. Darauf sind undefinierbare Flecken zu erkennen.
Nach dem ersten Umschauen setzt man sich normalerweise auf die besagte Bank und schaut sich die Videoinstallation an. Nach einiger Zeit fällt auf, dass alle wichtigen Elemente im Raum ebenfalls im Video vorkommen – das mittlerweile leicht zerfetzte Gewächshaus, die Spiegel und das Gestell – wenn auch hier ohne Eule, was wohl besser ist. Genauso auffallend ist, wie die Spiegel das Bild der Leinwand reflektieren – diese Reflektion wird doppelt, wenn im Bild die Spiegel ebenfalls auftauchen, beispielsweise wenn die Zündschnur für das Feuerwerk abbrennt (Video am Ende des Posts).
Erst nach diesem ersten Eindruck pflege ich die Details zur Installation sowie den Leitfaden zur Ausstellung zu lesen. Nun, die Beschreibung der Installation und des Videos kann ich hier getrost auslassen, da ihr diese unter dem Link selbst nachlesen könnt, weshalb ich nun die erwähnten Aspekte diskutiere.
Bei genauerer Betrachtung fallen einem einige interessante Details auf – die Spot-Glühlampe, welche das Gestell der Eule beleuchtet, wurde bis auf die Unterseite schwarz angemalt, um Streulicht zu vermeiden. Natürlich würden hier viele
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rgumentieren, dass dies kaum relevant ist, doch die meisten, welche Streulicht vermeiden wollen, kaufen sich einen Lampenschirm – ob nun Pragmatik dahintersteckt oder es sich um gezieltes Vorgehen handeln soll, sei dahingestellt. Die einzige andere Lampe im Raum ist auch ein schwacher Halogenstrahler, welcher das Gewächshaus von hinten beleuchtet; somit gibt es zusammen mit dem Flackern der Projektion bloss drei Lichtquellen im Raum, wenn man die Reflektionen der Spiegel vernachlässigt, die anderen Stellen tendieren dazu, teils im Dunkeln zu verschwinden. Auch das Licht spielt bei einer Installation eine Rolle, schliesslich kann auch ein in der Nacht gedrehter Film bei hellerer Beleuchtung gezeigt werden, was ich schon bei anderen Videoinstallationen gesehen habe – wiederum: Nur Pragmatik oder auch Gesamteindruck? Ich persönlich tippe auf Letzteres.
Nur leicht geschwärzt – doch auch sonst mitgenommen – ist das offene und begehbare Gewächshaus. Der Kunststoff – Plexiglas? – ist insbesondere an einer Stelle am Dach zerrissen, vermutlich da, wo man im Video die einzelnen Feuerwerkskörper austreten sieht. Auch andere kleine Spuren von Treffern sind auszumachen. Schliesslich sind da noch die Spiegel – Reflektion, seien sie nun real oder im Verstand; Reflektion des Gezeigten – und wie weit ist es schon von Reflektion zu Reflexion? Der Schleimpilz “trübt” jedoch das Bild gewissermassen, wie er sich von seinen Kulturen ausgehend auf dem Spiegel weit verbreitet hat – mit etwas Biologie-Grundwissen ist es ganz einfach zu erkennen, wie weit er es schon geschafft hat; es hat also durchaus etwas Positives gehabt, die Ausstellung am letzten Tag zu besuchen.
Zum Schluss kommen wir noch einmal zum Video. Eine der ersten Fragen, welche man sich beim Betrachten eines Filmes immer stellt, ist: “Was wird hier gezeigt?” Wenn wir zu unserer Unterhaltung ein Kino besuchen, wissen wir das Wichtigste zum vornherein, das Genre und den Stil und die Chance, dass man den Trailer gesehen hat, ist gross. Nun, für Videoinstallationen gibt es selten Trailer und das Konzept ist auch nicht jenes der Unterhaltung. Wie bei jedem Kunstwerk kann man sich natürlich die Frage stellen, was es zu bedeuten hat. Jedoch ist dies ein schlechter erster Ansatz, an welchem auch bereits viele bedeutende Kunstkritiker und -historiker gescheitert sind, weil er zu voreiligen Schlüssen führt. Deshalb stelle ich mir jeweils drei Fragen: Was ich sehe, was dazu gesagt wird und was ich mir dazu denke.
Die erste Frage ist eine ganz einfache unverbindliche Betrachtung. Ich sehe die Elemente der Ausstellung. Unbekannte maskierte Wesen. Eine Schneeeule. Tiere darstellende Tafeln. Eine Akkordeonspielerin mit traditionell wirkender auffallender Kleidung, einen Sänger in einem feminin anmutenden Kleid oder einer Art Toga. Eine Zündschnur – und dann ein räumlich begrenztes doch teils ausbrechendes Feuerwerk zum Schluss. Die Handlung läuft linear ab, Aufbau, Musik und andere Bilder, wie beispielsweise die Eule, wechseln sich jedoch ab. Am Ende ist das Feuerwerk zu erkennen – ähnlich einer typischen klassischen Erzählung spitzt sich der Film auf einen Höhepunkt zu und steigert die Erwartung mittels Spannungsaufbau. Die Kameraführung ist eher unruhig und lässt auf eine Handkamera schliessen.
Was zur zweiten Frage gesagt wirdl brauche ich ebenfalls wieder nicht zu beantworten, da dies schon im oben verlinkten Dokument behandelt wird. Also kommen wir zur letzen Frage – wie bringe ich die Aussagen auf dem Leitfaden mit meiner Wahrnehmung in Verbindung? Insbesondere konzeptuelle Kunst kann nicht nur von einer universellen flachen Botschaft leben – ohne eine gewisse individuelle Interpretation wäre sie kaum relevant für die einzelnen Besucher. Da eine ausführliche Beschreibung viel zu lange würde und eine Analyse kaum das Ziel eines Berichtes ist, hebe ich anschliessend bloss einige Details als Gedankenanstösse hervor.
Die Eule wir immer wieder gezeigt, das helle Weiss bildet einen starken Kontrast zu den sonst fast immer dunkeln Farben und der Nacht – beim Feuerwerk ist sie aber nicht mehr zu sehen. Sie hinterlässt einen mystifizierenden Eindruck, so als liesse sich die Handlung zur Vorbereitung generell nur schwer deuten. Das Gewächshaus ist etwas Alltägliches, Profanes – wer von uns hat sich schon mal so ein Ding genauer angeschaut? Das Feuerwerk hingegen ist zwar in unserer Gesellschaft durchaus normal, wenn auch nicht alltäglich – aber das haben wir uns wohl alle schon einmal genauer angesehen. Jedoch wird das Gewächshaus beinahe erst am Schluss eindeutig als solches erkennbar, in einer Enthüllung aus Licht und Explosionen. Einzelne Feuerwerkskörper brechen dabei gar aus dem Haus aus und nehmen ihren scheinbar zufälligen Weg in die Nacht. Die Masken sowie die Tierfiguren, welche befestigt werden, sind Repräsentationen – keine realen Gesichter, keine lebenden Tiere. Hier psychologische oder ikonographische Deutungen zu diskutieren könnte ein halbes Buch füllen. Die Akkordeonspielerin sticht heraus durch ihr rotes Kleid, der Sänger wirkt dagegen sehr dezent, doch seine Kleidung ist ungewohnt – und schon haben wir soziokulturelle Lesarten. Die Akustik schliesslich hat sehr viele repetitive Elemente und gibt damit den Szenen unter anderem auch etwas Rituelles. Den Rest überlasse ich an dieser Stelle nun der Fantasie und dem eigenen Denken…
Eure Sarah
